„Rütteln Sie doch mal“
Meine erste Anstellung nach der Schule und einem Haushaltsjahr war bei der Sozialstation in der Hauspflege. Es war ein schönes Arbeiten. Man ist von Klient zu Klient gefahren – damals noch mit dem Fahrrad, man war ja jung – und hatte viel Zeit zur Betreuung. Das heißt, man konnte wirklich aktivierend pflegen.
Naja, jedenfalls hatte ich unter meinen Kunden auch ein sehr liebes Ehepaar, beide schon weit über 80 Jahre und schon seit Ewigkeiten verheiratet. Es war schön zu sehen, wie liebevoll sie miteinander umgingen. Das waren Menschen, die man gleich ins Herz schließt. Die Frau brauchte morgens Hilfe beim Aufstehen und Waschen, und im Anschluss bereitete ich das Frühstück vor. Dann noch die Betten machen und gucken, ob sonst alles in der Wohnung okay ist. Es war Zeit für nette Gespräche, und die Geschichten von den beiden waren immer sehr interessant.
Eines Morgens öffnete der Mann mir die Tür mit den Worten: „Meine Frau schläft noch“ – das war neu. Ich zog mir meinen Dienstkittel an und ging ins Schlafzimmer. Ich blieb stehen. Man sah an der Haltung und dem Gesicht, dass sie tot war, und ich dachte nur: „Scheiße, wie sage ich das ihrem Mann?“. Irgendwie redete ich mir dann ein, dass das nicht wahr sein kann, ging zu ihr hin, redete mit ihr, suchte nach Atmung, Puls – irgendwelchen Lebenszeichen, aber da war nichts, selbst der Körper war schon steif.
Meine Gedanken gingen wieder zu ihrem Mann, der im Wohnzimmer saß und auf seine Frau wartete. „Das kann ich nicht“, waren meine Gedanken. Wie sollte ich einem Menschen sagen, dass ihn das Liebste auf der Welt verlassen hat? Ich schob den Gedanken erst mal beiseite und holte mir das Telefon auf den Flur, um den Arzt anzurufen. Eine Sprechstundenhilfe war am Apparat. Sie könne mich jetzt nicht verbinden. Nach nochmaligen Erklärungen stellte sie mich dann doch durch. Ich schilderte dem Arzt die Situation. Da sagt der doch zu mir: „Rütteln Sie die Frau doch mal.“ Vielleicht mag es daran gelegen haben, dass ich mit den Tränen gekämpft habe, weil ich an ihren Mann dachte – jedenfalls bin ich dann (wie ferngesteuert) wirklich noch mal ins Schlafzimmer gegangen und habe an dieser steifen Frau gerüttelt. Sie war so was von tot.
Wenig begeistert sagte der Arzt dann zu, dass er vorbeikäme, er hätte nur noch einen Patienten. Dann habe ich die Dienststelle angerufen, es musste ja Ersatz für die nachfolgenden Einsätze besorgt werden, und danach versucht, die Angehörigen zu erreichen – leider ohne Erfolg. So, ob ich wollte oder nicht, jetzt musste ich ja zu ihrem Mann, der immer noch darauf wartete, mit seiner Frau zu frühstücken. Sagen, dass seine Frau tot war, durfte ich ja noch nicht, denn erst wenn der Arzt den Tod feststellt, ist es offiziell. Und ich war froh darüber – vielleicht musste ich das ja gar nicht?
Kurz die Tränen abgewischt und dann den Mann angelogen: „Ihrer Frau geht es nicht so gut, der Arzt kommt gleich vorbei.“ Was der Mann daraufhin geantwortet hatte, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass ich mich bei dieser Lüge (oder war es Feigheit?) sehr schlecht gefühlt habe. Zum Glück rief der Schwiegersohn zurück und wollte sich gleich auf den Weg machen. Er traf kurz nach dem Arzt ein, der inzwischen den Tod festgestellt hatte. Der Arzt war schnell wieder weg, und während sich der Schwiegersohn um den Bestatter kümmerte, saß ich bei dem Mann. In seinen Augen waren keine Tränen, aber ein Ausdruck, der einem schmerzlich durch Mark und Bein ging.
Obwohl seine Kinder ihn bei sich aufgenommen hatten, ist er zwei Monate später seiner Frau gefolgt.